Die Art Direction ist der Prompt
Christophs Brief für die Website seiner Praxis war einer von der guten Sorte: ruhig, monochrom, keine Werbung. Es gab kein Moodboard und keine Referenzseiten — die wären der schwächere Input gewesen. Die Übersetzung ist mein Job: „ruhig und monochrom“ heißt Haltung, Type, Raum, Reduktion, und genau in diesem Vokabular steht es im Prompt. Wer Gestaltung präzise benennen kann, bekommt sie präzise — und nichts daran sieht hinterher nach Baukasten aus. Die Art Direction ist der Prompt.
Der Rahmen: psychotherapeutische Privatpraxis in Berlin, vom Briefing bis zum Livegang auf praxisschmid.com in einer Woche Arbeit, orchestriert im Dialog mit Claude. Schon das Briefing lief in diesem Modus — Fragenkatalog aus der Projektbeschreibung generiert, eine Runde mit mir, eine mit Christoph, achtzehn Praxen im Kiez nebenher analysiert. Nach einem Tag standen Positionierung und Seitenstruktur.
Der Takt: Runden statt Meetings. Jede Runde kommt als scrollbarer Entwurf zurück, strittige Punkte gleich in zwei, drei Varianten nebeneinander. Mein Feedback ist Sprache in jeder Flughöhe — mal ein Absatz Art Direction, mal „die Kante am Hero hat eine Delle“. Christophs Wünsche kamen per WhatsApp und wanderten wortwörtlich in den Chat, abends waren sie live, weil der Push das Deployment ist. Rund vierzig Runden kamen so zusammen, und ich habe ungefähr vierzig Mal nein gesagt; jedes Nein war eine Designentscheidung. Bevor ich überhaupt etwas zu sehen bekomme, hat Claude die Runde selbst im Headless-Chrome gerendert, Pixel verglichen, Zustände durchgeklickt. Live geht trotzdem nichts ohne mein Go. Autonomie beim Arbeiten, null Autonomie beim Veröffentlichen — diese Trennung macht den Prozess kundentauglich.
Die Porträts haben wir selbst fotografiert, retuschiert hat Claude mit Higgsfield im strengsten Modus: Licht und Hintergrund ja, Gesicht tabu. Wer einmal erlebt hat, wie bereitwillig Bildmodelle Gesichter „verschönern“, weiß, warum diese Grenze hart sein muss — Identität ist nicht verhandelbar, schon gar nicht bei einem Therapeuten, dessen Gesicht das halbe Vertrauensversprechen ist.
Motion nach demselben Prinzip: Der Kameraschwenk um die beiden Sessel der Praxis kommt aus Kling, daraus wurde ein Video, in dem jedes Bild ein Keyframe ist, und die Timeline hängt nicht an der Zeit, sondern an der Scrollposition. Das läuft hier im Artikel gerade live — scroll ruhig langsam:
Der Unterbau entstand im selben Gespräch, zwischen zwei Designrunden: Framework-Wahl, Repo, Vercel-Kopplung, Redirects, OG-Bilder, Search Console. Nichts davon war ein eigenes Projekt. Es waren Sätze.
Das Entscheidende aber ist, wofür all das im Einsatz war. Wer auf dieser Seite landet, bringt Überwindung mit — allein der Besuch ist für viele schon ein Schritt. Also senkt jede Entscheidung Hürden: klare Schritte statt Fachprosa, Ruhe statt Reizen, bis zur vorformulierten Nachricht für alle, denen das Schreiben schwerfällt. Die Seite ist bewusst nicht das lauteste Stück in meinem Portfolio. Sie ist das richtige für genau diese Besucher*innen, und das präzise hinzubekommen ist die Designleistung, um die es geht.
Übrigens war diese Seite ein Freundschaftsdienst — und trotzdem lässt sich an ihr besichtigen, was sich gerade wirklich verschiebt. Früher hätte dieses Projekt Figma, einen externen Entwickler und ein paar Wochen Abstimmung gebraucht. Heute ist es eine Person im Dialog. Günstiger geworden ist dabei die Produktion, nicht die Gestaltung: die Übersetzung von „ruhig und monochrom“ in Haltung und Type, die vierzig Neins, das Wissen, was eine Therapieseite nicht braucht — das bleibt die Leistung, egal wie schnell die Werkzeuge geworden sind.
Mit dieser Verschiebung bin ich in guter Gesellschaft — aber das eigentliche Gefühl ist ein anderes: Zwischen dem, was ich im Kopf habe, und dem, was online ist, liegt zum ersten Mal in 25 Jahren nur noch ein Gespräch. So frei war Gestalten für mich noch nie. Und genau das habe ich vor zu nutzen.


